Ambivalenz & Schattenarbeit: Ursula, die Seehexe aus Arielle, als Verkörperung verdrängter Anteile
- Eveline Kogler

- 5. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Dez. 2025
Ursula ist nicht nur eine äußere Bedrohung. Sie ist das Gegenbild zu Arielle:
Arielle | Ursula |
|---|---|
Leichtigkeit | Gewicht |
Sehnsucht | Strategie |
Naivität | Erfahrung |
Idealismus | Zynismus |
Natürlichkeit | Inszenierung |
In der tiefenanalytischen Perspektive verkörpert Ursula jene Schattenanteile, die Arielle nicht leben kann oder darf:
Macht
Wut
Selbstbehauptung
Ambition
das Recht, Raum einzunehmen
Diese Anteile erscheinen in Ursulas überzeichnetem Körper, ihrer Gestik, ihrer Stimme, ihrer Präsenz. Sie ist das, was Arielle unterdrückt – und gleichzeitig fürchtet.
Die Meereshexe als Ausgestoßene – eine biografische Wunde

In vielen Versionen der Geschichte war Ursula einst Teil des Königspalastes und wurde verbannt. Diese Verbannung ist symbolisch zentral:
Verlust von Zugehörigkeit
Narzisstische Kränkung
Entwertung durch die Gemeinschaft
der Wunsch nach Kompensation
ein Selbst, das sich im Schatten neu erfindet
Ursulas Macht basiert nicht nur auf Wissen, sondern auf einer Kränkung, die so tief sitzt, dass sie ihr Weltbild formt.
Sie ist eine Figur, die gelernt hat:
Wenn mir niemand Raum gibt, nehme ich ihn mir selbst.
Die Versuchung des Vertrages – ein psychodynamischer Mechanismus

Der Vertrag zwischen Arielle und Ursula ist eines der archetypischsten Bilder der Erzählung. Er steht für eine Form des psychologischen Handels:
„Ich gebe etwas Wesentliches von mir auf, um etwas zu bekommen, das ich mir zutiefst wünsche.“
Dies ist kein moralischer Fehler, sondern ein innerer Konflikt, der in vielen Lebensbereichen sichtbar wird:
Anpassung, um Liebe nicht zu verlieren
Schweigen, um nicht aufzufallen
Verbiegen, um Erwartungen zu entsprechen
Selbstverlust im Wunsch nach Zugehörigkeit
Ursula nutzt diesen Mechanismus meisterhaft.
Transformation & Illusion: Die Verlockung, jemand anderes zu sein

Arielles Wunsch, Mensch zu werden, ist kein oberflächliches Begehren. Er ist ein Bild für die Sehnsucht, den eigenen Platz im Leben zu finden.
Doch Ursula verspricht eine Abkürzung, ohne Reifung, ohne Integration:
Eine schnelle Transformation, die nicht aus dem Inneren kommt, sondern von außen erzwungen wird.
In der Psychodynamik ist dies ein Muster, das selten trägt:
Identität lässt sich nicht auslagern.
Selbstwert entsteht nicht durch äußere Form.
Veränderung ohne inneren Prozess bleibt instabil.
Ursula verkörpert den Schatten der Verwandlung:
Den Weg, der ohne innere Entwicklung geschieht – und deshalb immer teuer wird.
Der Untergang – wenn Inszenierung über Realität regiert

Ursulas Macht wächst, je mehr Arielle ihre Stimme verliert. Doch gleichzeitig wächst auch die Instabilität des Systems, das Ursula für sich schafft.
Am Ende scheitert sie nicht an Arielle – sondern an der Unhaltbarkeit ihrer eigenen Inszenierung:
Macht ohne Beziehung trägt nicht.
Kontrolle ohne Bindung zerbricht.
Manipulation ersetzt keine innere Sicherheit.
Ursulas Fall ist ein Bild dafür, dass der Schatten, wenn er zu groß wird, nicht mehr integrierbar ist – er kippt.
Warum Ursula psychologisch so faszinierend ist
Sie ist eine Figur voller Gegensätze:
verletzlich und mächtig
charmant und gefährlich
verspielt und berechnend
sinnlich und zerstörerisch
Ursula zeigt, wie komplex die Dynamik zwischen Bedürfnis, Schatten, Identität und Selbstaufgabe sein kann.
Sie ist keine eindimensionale Bösewichtin – sondern ein Spiegel dafür, wie leicht Menschen verführt werden können, einen Teil ihrer inneren Stimme zu verlieren, wenn ein sehnliches Ziel lockt.
Fazit: Ursula ist die Verkörperung der Frage, was Identität kostet
Ihre Figur zeigt, wie gefährlich es wird, wenn ein Wunsch so groß wird, dass er das eigene Selbst überholt. Und wie leicht Macht entsteht, wenn jemand gelernt hat, genau diese Sehnsucht in anderen zu erkennen.
Ursula ist kein Monster.
Sie ist ein Archetyp – ein Bild dafür, wie aus Ausgrenzung Macht wird und wie aus Sehnsucht Selbstverlust entstehen kann.
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